Vietnams nationales KI-Gesetz ist in Kraft: Was Unternehmen jetzt beim risikobasierten Einsatz von AI beachten müssen
02.03.2026

Seit dem 1. März 2026 gilt in Vietnam das erste umfassende KI-Gesetz des Landes. Es führt einen risikobasierten Regulierungsrahmen für Entwicklung, Einsatz und Überwachung von KI-Systemen ein – inklusive Kennzeichnungspflichten, Governance-Vorgaben und neuen Aufsichtsregimen, etwa im Finanzsektor. Gleichzeitig entstehen Förderinstrumente wie ein nationaler KI‑Fonds und regulatorische Sandboxes. Für international agierende Unternehmen mit Standorten, Lieferketten, Shared Services oder Datenverarbeitung in Vietnam steigt damit der Compliance‑Druck, aber auch das Potenzial für geförderte Innovation.
Vietnams nationales KI-Gesetz ist in Kraft: Was Unternehmen jetzt beim risikobasierten Einsatz von AI beachten müssen
Überblick: Startschuss für ein vollumfängliches KI-Regime
Seit dem 1. März 2026 ist in Vietnam das Gesetz über Künstliche Intelligenz („Law on Artificial Intelligence 2025“) offiziell in Kraft. Es ist eines der weltweit ersten nationalen KI‑Gesetze mit vollständigem, horizontalem Rahmen für Entwicklung, Einsatz und Aufsicht von KI-Systemen. Das Gesetz umfasst acht Kapitel mit 35 Artikeln und verfolgt einen risikobasierten Ansatz, vergleichbar mit, aber nicht identisch zu, dem EU AI Act.
Zentrale politische Leitlinie: KI soll als „nationale intellektuelle Infrastruktur“ fungieren und zugleich sicher, menschenzentriert und verantwortungsvoll eingesetzt werden. Unternehmen erhalten neue regulatorische Pflichten, aber auch Zugang zu Fördermechanismen, Dateninfrastrukturen und Testumgebungen.
Kernprinzipien und Verbote: Schutz von Menschen, Daten und staatlichen Interessen
Menschenzentrierung und Risikokontrolle
Das Gesetz schreibt fest, dass KI dem Menschen dienen und ihn nicht ersetzen soll. Bei wichtigen Entscheidungen muss menschliche Aufsicht gewährleistet sein. Daraus folgen für Unternehmen:
Pflicht zur menschlichen Kontrolle bei hochrelevanten Entscheidungen (z. B. Kreditvergabe, Gesundheitsanwendungen, öffentliche Services).
Dokumentation, wer Entscheidungen trifft und wie KI-Empfehlungen geprüft oder übersteuert werden können.
Klare Verbote mit hoher Relevanz für internationale Anbieter
Verboten sind unter anderem:
Einsatz von KI zur vorsätzlichen Täuschung und Manipulation von Menschen, insbesondere durch simulierte Personen oder Ereignisse, wenn dadurch erhebliche Schäden an Grundrechten entstehen.
Ausnutzung der Verletzlichkeit bestimmter Gruppen (Kinder, Ältere, Menschen mit Behinderung, Minderheiten) zu ihrem eigenen oder fremden Nachteil.
Erstellung oder Verbreitung von KI-Content, der nationale Sicherheit, öffentliche Ordnung oder soziale Sicherheit ernsthaft gefährdet.
Entwicklung oder Betrieb von KI auf Basis von Daten, die gegen Datenschutz-, IP- oder Cybersicherheitsrecht verstoßen.
Für Unternehmen bedeutet das: Viele heute international genutzte Anwendungsfälle (z. B. Deepfakes, manipulative Empfehlungssysteme) sind in Vietnam entweder untersagt oder nur in engen Grenzen zulässig.
Risikobasierter Regulierungsansatz: Klassifizierung und Pflichten
Risikostufen und Governance
Das Gesetz etabliert ein mehrstufiges Risikoklassifizierungsmodell für KI-Systeme. Konkrete Schwellenwerte und Beispiele werden teilweise nachgelagert per Dekret bzw. sektorspezifischen Regelungen (z. B. Bankenaufsicht) präzisiert. Für Unternehmen ist entscheidend:
Alle KI-Systeme müssen klassifiziert werden (z. B. geringes, mittleres, hohes Risiko).
Je höher das Risiko, desto strenger die Pflichten in Bezug auf:
- Risikobewertung und -dokumentation
- Transparenz und Erklärbarkeit
- Monitoring, Incident-Management und Audit-Trails
- Human-in-the-loop-Mechanismen
Ein besonders sichtbares Beispiel ist der Finanzsektor: Banken und Zahlungsdienstleister müssen KI-Systeme vor dem Einsatz sicherheitstechnisch prüfen, risikoklassifizieren und spezifische Kundenschutzmaßnahmen implementieren – inklusive vorheriger Information der Kund:innen, wenn KI direkt mit ihnen interagiert.
Kennzeichnungspflichten für KI-Content
Die Rechtslage verlangt, dass KI-generierte Audio-, Bild- und Videoinhalte eindeutig gekennzeichnet werden. Für Plattformen, Medienhäuser, Marketing- und E‑Commerce-Unternehmen bedeutet das:
Integration technischer Mechanismen zur Labeling/Pflichtkennzeichnung (z. B. sichtbare oder maschinenlesbare Hinweise).
Anpassung von Content-Workflows und Nutzungsbedingungen, um die Herkunft von Inhalten nachvollziehbar zu machen.
Förderinstrumente: KI-Fonds, Infrastruktur und Sandboxen
Nationaler KI-Entwicklungsfonds
Das Gesetz sieht die Einrichtung eines National Artificial Intelligence Development Fund vor. Der Fonds arbeitet außerbudgetär und nicht gewinnorientiert und soll:
KI-Forschungs- und Entwicklungsprojekte
Aufbau von Kerntechnologien, Plattformen und Hardware
sowie Qualifizierungsmaßnahmen für Fachkräfte
finanzieren oder kofinanzieren.
Für Unternehmen mit F&E‑Kapazitäten in Vietnam ergibt sich damit ein direkter Zugang zu Fördermitteln, insbesondere wenn sie an nationalen Schlüsselprojekten oder strategischen Technologien arbeiten.
Nationale Rechen- und Dateninfrastruktur
Vietnam will eine nationale KI-Rechenzentrale und ein kontrolliertes Open-Data-System aufbauen. Ziel ist es, Rechenkosten zu senken, Markteintrittsbarrieren abzubauen und einen fairen Wettbewerb zu fördern. Praktische Implikationen:
Günstigerer Zugang zu High-Performance-Computing für lokale KI-Entwicklung.
Bessere Datenbasis für Training und Test, allerdings unter strikter Einhaltung von Datenschutz- und IP-Rechten.
Regulatorische Sandboxes und AI-Voucher
Besonders für innovative Unternehmen sind die vorgesehenen regulierten Testumgebungen (Sandboxes) relevant:
Test kritischer oder rechtlich sensibler KI-Anwendungen mit zeitweise abgemilderten Haftungs- und Sanktionsrisiken.
Technische Beratung, Sicherheits- und Risikoanalysen durch staatlich anerkannte Stellen.
Zudem ist ein AI-Voucher-Mechanismus vorgesehen, mit dem Unternehmen finanzielle oder infrastrukturelle Unterstützung für KI-Einführungsprojekte erhalten können.
Auswirkungen auf internationale Unternehmen: Handlungsfelder jetzt
1. Rechts- und Compliance-Gap-Analyse
Unternehmen mit Niederlassungen, Entwicklungszentren, BPO/Shared Services oder Datenverarbeitung in Vietnam sollten unverzüglich:
Bestandsaufnahme aller KI-Systeme mit Vietnam-Bezug vornehmen (Entwicklung, Hosting, Nutzung, Outsourcing).
Eine Risikoklassifizierung nach vietnamesischem Recht durchführen oder vorbereiten.
Policy- und Governance-Landschaft mit bestehenden Rahmenwerken (z. B. EU AI Act, internen AI-Guidelines) abgleichen.
Ergebnis sollte eine priorisierte Liste von Abweichungen und Nachbesserungsbedarfen sein – insbesondere bei Transparenz, Logging, menschlicher Aufsicht und Datenquellen.
2. Sektorale Besonderheiten berücksichtigen
Finanzdienstleistungen: Stärkere Anforderungen an Modellvalidierung, Security-Checks, Kundentransparenz und Beschwerdemechanismen.
Telekommunikation und Plattformen: Strengere Pflichten bei Content-Moderation, Fake-Content-Management und Schutz vulnerabler Gruppen.
Industrie und Smart Manufacturing: Fokus auf funktionale Sicherheit, Cybersecurity und Notfallmechanismen bei KI-gestützten Steuerungen.
3. Vertrags- und Lieferkettenanpassungen
Viele Unternehmen nutzen vietnamesische Dienstleister für:
Datenannotation und -aufbereitung
Softwareentwicklung und MLOps
Callcenter- und Backoffice-KI (Chatbots, Decision-Support)
Hier sollten Verträge aktualisiert werden, um:
Pflichten zur Risikoklassifizierung, Dokumentation und Auditierbarkeit festzuschreiben.
Anforderungen an Datenherkunft, Datenschutzkonformität und IP-Rechte explizit zu regeln.
Sanktionen oder Remedien für Verstöße gegen das KI-Gesetz zu vereinbaren.
4. Technische Maßnahmen und Governance stärken
Unternehmen sollten ihre technischen und organisatorischen Kontrollen prüfen, u. a.:
Modell- und Datenregister für alle produktiv eingesetzten KI-Systeme.
Standardisierte Risk- und Impact-Assessments (z. B. vor Rollout oder größeren Modellupdates).
Monitoring-Frameworks für Performance, Bias, Security-Vorfälle und Fehlfunktionen.
Schulungen und Awareness-Programme für Produktteams, Compliance und Management.
Wechselwirkungen mit EU- und US-Regimen
Multinationale Unternehmen geraten zunehmend in ein Spannungsfeld divergierender Regime: EU AI Act, sektorale US-Regulierung und nun ein eigenständiger asiatischer Rahmen in Vietnam. Praktische Konsequenz:
Unternehmen sollten auf globale AI-Governance-Standards setzen, die die jeweils strengsten Elemente (z. B. aus der EU) integrieren und lokal anpassen.
Wo Vietnam abweichende oder strengere Regeln (z. B. hinsichtlich Deepfake-Verboten oder Kennzeichnungspflichten) vorsieht, müssen lokale Varianten von Produkten und Workflows implementiert werden.
Fazit: Sofortige Compliance-Schritte und strategische Positionierung
Für Unternehmen ist Vietnams KI-Gesetz sowohl Regelwerk als auch Standortsignal: Wer frühzeitig in Risiko-Management, Kennzeichnung, Governance und Dokumentation investiert, minimiert nicht nur Rechts- und Reputationsrisiken, sondern kann auch über Fonds, Infrastruktur und Sandboxes von einem ambitionierten KI-Ökosystem profitieren.
Empfehlung für die nächsten 3–6 Monate:
Inventur & Klassifizierung aller Vietnam-relevanten KI-Systeme.
Aufbau oder Anpassung eines AI-Governance-Frameworks, das Vietnam explizit berücksichtigt.
Prüfung von Förder- und Sandbox-Möglichkeiten für strategische KI-Projekte.
Fortlaufendes Monitoring nachgelagerter Rechtsakte (Dekrete, sektorale Rundschreiben), insbesondere in regulierten Branchen.
So lässt sich das neue Regime nicht nur als Compliance-Hürde, sondern auch als Hebel für strukturierte, skalierbare KI-Nutzung in der gesamten Organisation nutzen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was regelt das neue KI-Gesetz in Vietnam seit dem 1. März 2026?
Das vietnamesische KI-Gesetz („Law on Artificial Intelligence 2025“) schafft einen umfassenden, horizontalen Rechtsrahmen für Entwicklung, Einsatz und Aufsicht von KI-Systemen. Es basiert auf einem risikobasierten Ansatz, legt Verbote, Kennzeichnungspflichten und Governance-Anforderungen fest und wird durch Förderinstrumente wie einen nationalen KI‑Fonds ergänzt.
Wie funktioniert der risikobasierte Ansatz des vietnamesischen KI-Gesetzes?
KI-Systeme müssen in verschiedene Risikostufen (z. B. gering, mittel, hoch) klassifiziert werden, wobei höhere Risikostufen strengere Pflichten nach sich ziehen. Dazu gehören erweiterte Anforderungen an Risikoanalysen, Transparenz, Monitoring, Incident-Management und menschliche Aufsicht, teilweise ergänzt durch sektorspezifische Vorgaben etwa im Finanzsektor.
Welche Auswirkungen hat das KI-Gesetz auf international tätige Unternehmen mit Aktivitäten in Vietnam?
Unternehmen mit Standorten, Lieferketten, Shared Services oder Datenverarbeitung in Vietnam stehen unter höherem Compliance-Druck und müssen ihre KI-Systeme nach vietnamesischem Recht klassifizieren und dokumentieren. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen durch Fördermittel, nationale Rechen- und Dateninfrastrukturen sowie regulierte Testumgebungen (Sandboxes) für innovative KI-Projekte.
Was ist der Unterschied zwischen Vietnams KI-Gesetz und dem EU AI Act?
Beide Regelwerke verfolgen einen risikobasierten Ansatz, unterscheiden sich aber in Struktur, Detailtiefe und einzelnen Verboten bzw. Pflichten. Vietnams Gesetz ist eigenständig ausgestaltet, etwa mit spezifischen Vorgaben zu Deepfakes, Kennzeichnungspflichten und nationalen Förderinstrumenten, sodass Unternehmen ihre globalen AI-Governance-Standards lokal anpassen müssen.
Welche Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte gelten in Vietnam?
KI-generierte Audio-, Bild- und Videoinhalte müssen in Vietnam eindeutig als solche gekennzeichnet werden. Unternehmen wie Plattformen, Medienhäuser, Marketing- und E‑Commerce-Anbieter müssen dafür technische Labeling-Mechanismen implementieren und ihre Content-Workflows sowie Nutzungsbedingungen entsprechend anpassen.
Welche Rolle spielen der nationale KI-Fonds und die regulatorischen Sandboxes?
Der National Artificial Intelligence Development Fund soll Forschungs- und Entwicklungsprojekte, den Aufbau von Kerntechnologien sowie Qualifizierungsmaßnahmen finanzieren oder kofinanzieren. Regulatorische Sandboxes ermöglichen es Unternehmen, kritische oder rechtlich sensible KI-Anwendungen in einer überwachten Umgebung mit zeitweise reduzierten Haftungs- und Sanktionsrisiken zu testen und dabei fachliche Unterstützung zu erhalten.
Was sollten Unternehmen jetzt konkret tun, um das vietnamesische KI-Gesetz zu erfüllen?
Unternehmen sollten kurzfristig eine Inventur aller Vietnam-bezogenen KI-Systeme durchführen, diese risikobasierend klassifizieren und Governance-, Transparenz- und Kontrollmechanismen mit dem neuen Recht abgleichen. Parallel empfiehlt sich die Anpassung von Verträgen und Lieferketten, der Aufbau eines AI-Governance-Frameworks mit Vietnam-Bezug sowie die Prüfung von Förder- und Sandbox-Möglichkeiten für strategische KI-Projekte.