Vietnam setzt neues KI-Gesetz in Kraft: Hochrisiko-Liste, Förderfonds und Cluster im Fokus

05.03.2026

Vietnam hat zum 1. März 2026 ein spezialgesetzliches KI-Gesetz vollständig in Kraft gesetzt. Die Regierung startet nun die Umsetzungsphase mit einem nationalen KI-Entwicklungsfonds, einer nationalen KI-Datenbank, physischen und digitalen KI-Clustern sowie der Ausarbeitung einer Liste hochriskanter KI-Systeme und eines KI-Ethikrahmens. Für international tätige Unternehmen entsteht damit ein regulierter, aber innovationsorientierter KI-Standort mit klaren Pflichten zu Kennzeichnung, Risikomanagement und Governance, die zeitnah in Compliance-Programme, Verträge und Produkt-Roadmaps integriert werden müssen.

Vietnam setzt neues KI-Gesetz in Kraft: Hochrisiko-Liste, Förderfonds und Cluster im Fokus


Status quo: Was seit dem 1. März 2026 gilt

Seit dem 1. März 2026 ist in Vietnam ein eigenständiges Gesetz zur Künstlichen Intelligenz (Law on Artificial Intelligence, Gesetz Nr. 134/2025/QH15) in Kraft. Das macht Vietnam zu einem der wenigen Länder weltweit mit einem umfassenden KI-Spezialgesetz auf Gesetzesstufe.

Zentrale Eckpunkte:

  • eigenständiger Rechtsrahmen für Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung von KI-Systemen (außer Verteidigung/Sicherheit)

  • risikobasierter Ansatz mit drei Risikokategorien (hoch, mittel, niedrig)

  • explizite Vorgaben zur Kennzeichnung, wenn Nutzer mit KI interagieren

  • Zielbild: KI als „nationale intellektuelle Infrastruktur“ und Wachstumstreiber


Parallel hat die Regierung einen Umsetzungsplan beschlossen (Decision 367/QĐ‑TTg). Im Zentrum stehen jetzt konkrete Sekundärregelungen, Infrastrukturmaßnahmen und Förderinstrumente.


Hochrisiko-KI: Vietnam arbeitet an verbindlicher Liste

Der nächste regulatorische Schritt ist die Ausarbeitung einer Liste hochriskanter KI-Systeme. Das Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MoST) erarbeitet dazu einen Entscheidungsvorschlag des Premierministers.


Erwartete Inhalte der Hochrisiko-Liste

Auf Basis des Gesetzes und des Regierungsplans ist zu erwarten, dass folgende Einsatzfelder als „high-risk“ adressiert werden:

  • öffentliche Verwaltung und Zugang zu Sozialleistungen

  • Kreditvergabe, Scoring und andere Finanzentscheidungen

  • Personalentscheidungen (Recruiting, Leistungsbewertung)

  • kritische Infrastrukturen (Energie, Verkehr, Gesundheit)

  • biometrische Erkennung und Überwachung im öffentlichen Raum


Für diese Kategorien werden zusätzliche Pflichten definiert, u. a.:

  • systematische Risikoanalyse vor Inbetriebnahme

  • technische und organisatorische Maßnahmen zur Beherrschung von Bias, Sicherheit und Robustheit

  • Protokollierungs- und Nachweispflichten für Entscheidungen

  • ggf. Registrierung oder Meldepflicht bei zuständigen Behörden


Implikationen für Unternehmen

Für Unternehmen mit KI-gestützten Produkten oder internen Systemen in Vietnam bedeutet das:

  • Produkt-Mapping: Identifizierung aller KI-Funktionen, die voraussichtlich in die Hochrisiko-Liste fallen könnten.

  • Frühe Lückenanalyse: Abgleich mit bestehenden EU‑AI‑Act- oder anderen Compliance-Anforderungen, um Doppelarbeit zu vermeiden.

  • Vertragsgestaltung: Anpassung von SLA, Haftungs- und Auditklauseln in Verträgen mit lokalen Kunden und Partnern.


Wer bereits auf den EU AI Act oder ähnliche Regime vorbereitet ist, kann Synergien nutzen. Unterschiede im Detail (z. B. Datenlokalisierung, Meldewege, Aufsichtsstrukturen) müssen jedoch eigenständig adressiert werden.


Nationaler KI-Entwicklungsfonds 2026–2027

Ein zentrales Umsetzungsinstrument ist der nationale KI-Entwicklungsfonds für die Periode 2026–2027. Das MoST ist mit der Ausarbeitung eines Durchführungsdekrets beauftragt.


Ziele des Fonds

Der Fonds soll insbesondere:

  • Forschung und Entwicklung von KI-Systemen fördern

  • Rechen- und Dateninfrastruktur (Data Center, Trainingsumgebungen) mitfinanzieren

  • KI-Start-ups und Scale-ups über Zuschüsse oder Beteiligungsmodelle unterstützen

  • Pilotprojekte in Industrie, öffentlicher Verwaltung und Bildung anstoßen


Chancen für internationale Unternehmen

Für international tätige Unternehmen ergeben sich mehrere Anknüpfungspunkte:

  • Joint Ventures und Konsortialprojekte mit vietnamesischen Partnern können förderfähig sein.

  • Pilot-Implementierungen (z. B. in Smart Manufacturing oder E‑Government) lassen sich über den Fonds kofinanzieren.

  • Technologielieferanten für Rechenzentren, Cloud-Stacks, MLOps und Sicherheitstechnologien können indirekt profitieren, wenn sie Teil geförderter Vorhaben sind.


Unternehmen sollten die Förderrichtlinien des Fonds frühzeitig prüfen und eigene Roadmaps darauf abstimmen – insbesondere, wenn Vietnam als Entwicklungs- oder Teststandort in Betracht kommt.


Nationale KI-Datenbank und Daten-Governance

Parallel zu Fonds und Hochrisiko-Liste entsteht eine nationale KI-Datenbank, angebunden an das nationale Datenzentrum. Fachministerien und Provinzen werden verpflichtet, ihre KI-relevanten Datensätze aufzubauen und an diese Infrastruktur anzubinden.

Die Regierung plant zusätzlich:

  • eine Liste prioritärer Datensätze für KI-Entwicklung in „essenziellen Sektoren“

  • Standards und technische Normen für KI-Daten (Qualität, Interoperabilität, Sicherheit)

  • einen nationalen KI-Ethikrahmen


Für Unternehmen bedeutet das:

  • potenziell verbesserter Zugang zu kuratierten, rechtssicheren Trainings- und Testdaten

  • zugleich strengere Anforderungen an Datensicherheit, Zugriffsrechte und Zweckbindung


Konzerne mit eigenen Datenplattformen in Vietnam müssen ihre Governance-Modelle an die nationalen Vorgaben angleichen und sich auf Behördenaudits bzw. Schnittstellenprüfungen einstellen.


Aufbau von KI-Clustern: Physische Hubs plus digitale Netze

Ein weiterer zentraler Baustein ist der Aufbau von KI-Clustern:

  • physische Zentren in Hightech-Parks, Digitaltechnologie-Zonen und Innovationszentren

  • digitale Vernetzung über landesweite Plattformen und Netze


Cluster-Szenario aus Unternehmenssicht:

  • ein europäischer Maschinenbauer betreibt gemeinsam mit einem vietnamesischen Partner ein Smart-Factory-Testbed im Cluster eines Hightech-Parks in Ho-Chi-Minh-Stadt

  • die Daten aus Pilotanlagen werden in der nationalen KI-Datenbank gespiegelt

  • lokale Start-ups entwickeln darauf aufbauend Predictive-Maintenance-Modelle

  • der Fonds fördert sowohl die Infrastruktur (Sensorik, Edge Hardware) als auch das Modelltraining


Solche Modelle erlauben es, Vietnam als Pilotmarkt zu nutzen und erfolgreiche Lösungen später in andere ASEAN-Märkte auszurollen.


Compliance- und Governance-Hausaufgaben für Unternehmen


1. KI-Inventar und Risiko-Mapping

Unternehmen sollten kurzfristig ein KI-Inventar für Vietnam erstellen:

  • Welche Systeme nutzen ML/GenAI, welche Datenflüsse bestehen?

  • Sind Funktionen im Kreditgeschäft, HR, kritischer Infrastruktur oder öffentlicher Verwaltung involviert?

  • Welche Systeme sind bereits nach anderen Regimen (z. B. EU AI Act) als hochriskant eingestuft?


Dieses Mapping dient als Grundlage, sobald die vietnamesische Hochrisiko-Liste offiziell vorliegt.


2. Anpassung von Policies und Verträgen

  • Aktualisierung interner KI-Governance-Richtlinien um Verweise auf das vietnamesische KI-Gesetz.

  • Ergänzung von Transparenzpflichten (z. B. Kennzeichnung KI-generierter Inhalte für Endnutzer in Vietnam).

  • Vertragsklauseln zu Audit-Rechten, Log-Zugriff und Incident-Meldungen für Hochrisiko-Systeme.


3. Technische Mindeststandards sicherstellen

Aufgrund der erwarteten Anforderungen an Hochrisiko-KI sollten Unternehmen mindestens:

  • robuste Monitoring- und Logging-Lösungen für Modelle im vietnamesischen Kontext implementieren

  • standardisierte Model Cards und Risk Assessments etablieren

  • Red-Teaming und Security-Tests für kritische Anwendungsfälle vorsehen


4. Beobachtung sekundärer Normen

Die entscheidenden Detailpflichten werden in den kommenden Monaten über Dekrete und Entscheidungen konkretisiert. Rechts-, Compliance- und Produktteams sollten deshalb einen Monitoring-Prozess aufsetzen für:

  • das Dekret zur Umsetzung des KI-Gesetzes

  • das Dekret zum KI-Entwicklungsfonds

  • die Entscheidung des Premierministers zur Hochrisiko-Liste und zu prioritären Datensätzen


Strategische Einordnung: Vietnam als regulierter, aber pro-innovativer KI-Standort

Für global agierende Unternehmen ergibt sich aus der aktuellen Entwicklung ein klares Bild:

  • Vietnam kombiniert verbindliche Regulierung (Spezialgesetz, Hochrisiko-Liste) mit gezielter Förderung (Fonds, Cluster, Dateninfrastruktur).

  • Der Ansatz ist risikobasiert und ähnelt in Teilen dem EU AI Act, wird aber in einem Schwellenland-Kontext umgesetzt.


Dies kann Vorbildwirkung für andere aufstrebende Märkte in Asien und darüber hinaus entfalten. Unternehmen, die frühzeitig:

  • ihre Governance auf Vietnams Vorgaben ausrichten

  • Pilotprojekte innerhalb der entstehenden Cluster starten und

  • aktiv Förderinstrumente nutzen,


können sich einen nachhaltigen Wettbewerbs- und Standortvorteil in der Region sichern.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)


Was regelt das neue KI-Gesetz in Vietnam seit dem 1. März 2026 konkret?

Das Gesetz Nr. 134/2025/QH15 schafft einen eigenständigen Rechtsrahmen für Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung von KI-Systemen in Vietnam. Es führt ein risikobasiertes System mit drei Kategorien (hoch, mittel, niedrig) ein, schreibt Kennzeichnungspflichten bei KI-Interaktionen vor und definiert KI als strategische „nationale intellektuelle Infrastruktur“.


Wie funktioniert der risikobasierte Ansatz und die geplante Hochrisiko-Liste für KI-Systeme in Vietnam?

Vietnam stuft KI-Systeme je nach Gefährdungspotenzial in drei Risikoklassen ein, wobei für Hochrisiko-Anwendungen künftig besondere Pflichten gelten. Die Regierung erarbeitet dazu eine verbindliche Liste, voraussichtlich für Bereiche wie öffentliche Verwaltung, Finanzentscheidungen, HR, kritische Infrastrukturen und biometrische Überwachung.


Welche Auswirkungen hat das vietnamesische KI-Gesetz auf international tätige Unternehmen?

Unternehmen müssen ihre KI-Systeme für den vietnamesischen Markt inventarisieren, risikobasiert einordnen und Governance-, Kennzeichnungs- und Dokumentationspflichten in ihre Compliance-Programme integrieren. Gleichzeitig eröffnet Vietnam durch Förderfonds, KI-Cluster und eine nationale KI-Datenbank neue Chancen für Forschung, Tests und Markteintritte.


Was ist der Unterschied zwischen dem vietnamesischen KI-Gesetz und dem EU AI Act?

Beide Regime verfolgen einen risikobasierten Ansatz und sehen strenge Vorgaben für Hochrisiko-KI vor, etwa zu Risikoanalysen, Transparenz und technischer Robustheit. Vietnam kombiniert diese Regulierung jedoch stärker mit Standortförderung (KI-Fonds, Cluster, nationale Datenbank) und kann zusätzliche Anforderungen wie Datenlokalisierung oder spezifische Meldewege vorgeben, die sich von der EU unterscheiden.


Wie funktioniert der nationale KI-Entwicklungsfonds Vietnams in der Praxis?

Der Fonds für die Periode 2026–2027 soll Forschung, Rechen- und Dateninfrastruktur, Start-ups sowie Pilotprojekte in Industrie, Verwaltung und Bildung finanzieren. Internationale Unternehmen können über Joint Ventures, Konsortialprojekte oder als Technologiezulieferer partizipieren, sofern ihre Vorhaben den Förderrichtlinien entsprechen.


Welche Rolle spielen die nationale KI-Datenbank und KI-Cluster für Unternehmen?

Die nationale KI-Datenbank bündelt prioritäre, kuratierte Datensätze und schafft klare Standards für Datenqualität, Interoperabilität und Sicherheit. KI-Cluster verbinden physische Innovationsstandorte mit digitalen Netzen und ermöglichen es Unternehmen, Pilotprojekte (z. B. Smart Factory, Predictive Maintenance) in Vietnam zu testen und später in andere Märkte auszurollen.


Was sollten Unternehmen jetzt tun, um KI-Compliance in Vietnam sicherzustellen?

Unternehmen sollten ein KI-Inventar für Vietnam erstellen, ein Risiko-Mapping durchführen und interne KI-Governance-Richtlinien um das neue Gesetz ergänzen. Zudem sind technische Mindeststandards wie Monitoring, Logging, Model Cards und Security-Tests aufzubauen sowie ein Monitoring-Prozess für kommende Durchführungsdekrete und die finale Hochrisiko-Liste zu etablieren.