New-Delhi-Erklärung: Was die „human-zentrierte“ KI-Vereinbarung von 88 Staaten für Unternehmen bedeutet
21.02.2026

Auf dem India AI Impact Summit 2026 in Neu-Delhi haben 88 Staaten und internationale Organisationen eine gemeinsame Erklärung zu „human-zentrierter“ KI verabschiedet. Die New-Delhi-Erklärung verankert Prinzipien wie menschenrechtsbasierte Governance, Demokratisierung von Rechenressourcen und globalen Zugang zu KI. Der Artikel analysiert, was diese Leitplanken konkret vorsehen, warum sie global relevant sind – auch jenseits von EU und USA – und welche strategischen Konsequenzen sich für Investitionen, Compliance, Standortwahl und Produktstrategien von Unternehmen ergeben.
New-Delhi-Erklärung: Was die „human-zentrierte“ KI-Vereinbarung von 88 Staaten für Unternehmen bedeutet
Kontext: AI Impact Summit 2026 und globale Einigung
Vom 16. bis 21. Februar 2026 fand in Neu-Delhi der India AI Impact Summit 2026 statt – die erste der großen globalen KI-Konferenzen, die im Globalen Süden ausgerichtet wurde. Im Zentrum stand eine gemeinsame Leaders’- bzw. New-Delhi-Erklärung, die inzwischen von 88 Staaten und internationalen Organisationen unterzeichnet wurde. Kernbotschaft: KI soll menschenzentriert, inklusiv und global zugänglich entwickelt und eingesetzt werden.
Für Unternehmen ist diese Erklärung weniger ein rechtlich bindender Vertrag als ein politischer Referenzrahmen. Sie zeigt, wohin sich Regulierungen, Förderprogramme und internationale Kooperationen in den nächsten Jahren weltweit bewegen dürften – und zwar nicht nur in der EU oder den USA, sondern auch in großen Schwellenländern.
Zentrale Inhalte der New-Delhi-Erklärung
Menschenrechte und „AI for Humanity“ als Leitbild
Die Unterzeichner bekennen sich zu einem KI-Verständnis, das klar an Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ausgerichtet ist. Typische Elemente:
Schutz von Grundrechten (z.B. Datenschutz, Meinungsfreiheit, Nichtdiskriminierung)
Transparenz der Systeme in kritischen Anwendungsfeldern
Rechenschaftspflichten für Betreiber hochriskanter KI
Beteiligung von Zivilgesellschaft und Wissenschaft an der Governance
Damit verstärkt die Erklärung einen Trend: Internationale KI-Politik wird zunehmend über das Leitbild „AI for Humanity“ gebündelt. Für Unternehmen heißt das: rein technik- oder effizienzgetriebene Argumentationen werden regulatorisch immer schwerer durchsetzbar, wenn sie menschenrechtliche oder gesellschaftliche Risiken ausblenden.
Demokratisierung von Rechenressourcen und globalem Zugang
Ein besonders für die Wirtschaft relevanter Punkt ist die Betonung eines fairen Zugangs zu KI-Ressourcen:
Demokratisierter Zugang zu Rechenleistung (Compute): Rechenzentren, GPUs und Cloud-Infrastruktur sollen nicht nur in einigen wenigen Industrienationen konzentriert sein.
Kapazitätsaufbau im Globalen Süden: Entwicklungsländer sollen beim Aufbau eigener Modelle, Dateninfrastrukturen und Kompetenzen unterstützt werden.
Offenheit für Kooperationen: Internationale Partnerschaften zwischen Unternehmen, Forschung und Staaten werden explizit gefördert.
Damit deutet sich ein politischer Druck in Richtung breiterer Verteilung von Rechenkapazitäten und KI-Know-how an. Für Hyperscaler, Chip-Hersteller und große KI-Anbieter ist das eine klare Aufforderung, ihr Infrastruktur- und Partnernetzwerk geografisch breiter und inklusiver zu planen.
Sicherheit, Robustheit und Nachhaltigkeit
Weitere Schwerpunkte sind:
Anforderungen an Sicherheit und Robustheit von Modellen, insbesondere Frontier- und Foundation-Modellen
Diskurs zu Energieverbrauch und ökologischer Nachhaltigkeit großer KI-Systeme
Förderung effizienter, ressourcenschonender Modelle (z.B. leichtere Architekturen, optimierte Inferenz)
Unternehmen müssen damit rechnen, dass sich technische Mindeststandards für Sicherheit, Tests und Nachweisführung („Assurance“) schrittweise angleichen – ähnlich wie bei Cybersecurity-Standards.
Warum diese Erklärung für Unternehmen relevant ist
1. Vorboten kommender Regulierungswellen
Die New-Delhi-Erklärung ist politisch-symbolisch, aber sie fungiert als Blaupause für kommende Rechtsakte, Leitlinien und Förderprogramme:
Annäherung von Regulierungsparadigmen: Auch Länder ohne umfassendes KI-Gesetz (anders als die EU mit dem AI Act) werden sich auf menschenzentrierte Prinzipien und Risikoansätze stützen.
Soft Law als Einstieg: Unternehmen werden sich auf eine Zunahme an Standards, Codes of Conduct und sektoralen Auflagen einstellen müssen, die auf diese Grundsätze verweisen.
Implikation: Compliance-Strategien, die heute nur auf einzelne Jurisdiktionen zugeschnitten sind, werden mittelfristig zu kurz greifen. Global agierende Unternehmen sollten ein harmonisiertes, menschenrechtsbasiertes KI-Governance-Modell etablieren.
2. Standort- und Infrastrukturentscheidungen
Die erklärte Demokratisierung von Compute und Infrastruktur kann sich auf Standortentscheidungen auswirken:
Staaten im Globalen Süden werden Datenzentren, GPU-Farmen und KI-Hubs politisch und finanziell fördern.
Investitionsanreize (Steuererleichterungen, Förderprogramme, Public-Private-Partnerships) werden verstärkt an die human-zentrierte Ausrichtung gekoppelt.
Praxisbeispiel:
Ein Cloud-Anbieter plant ein neues Rechenzentrum in Südasien. Förderzugang und regulatorische Akzeptanz werden wahrscheinlicher, wenn er u.a.:
energieeffiziente Kühl- und Versorgungskonzepte nachweist,
lokalen Unternehmen und Forschung priorisierten oder vergünstigten Zugang zu Rechenressourcen gibt,
transparente Governance-Mechanismen für sensible KI-Anwendungen etabliert.
3. Strategische Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung
Produktteams sollten antizipieren, dass Kund:innen und Aufsichtsbehörden künftig verstärkt Fragen stellen wie:
Wie sind menschliche Aufsicht und Eingriffsrechte umgesetzt?
Welche Schutzmechanismen existieren für vulnerable Gruppen?
Wie wird Energieverbrauch gemessen, optimiert und offengelegt?
Ist die Lösung auch für kleinere Organisationen und ärmere Regionen zugänglich oder verstärkt sie Ungleichheiten?
Use Case:
Ein Anbieter von generativer KI für HR-Software (Recruiting, Skill-Matching) wird sich darauf einstellen müssen,
Bias-Analysen und faire Trainingsdaten nachzuweisen,
erklärbare Entscheidungen zu ermöglichen,
Mechanismen für Einspruch und menschliche Überprüfung anzubieten.
Diese Anforderungen ergeben sich nicht direkt aus der Erklärung, aber sie sind logische Folgerungen, wenn Regulierer den menschenzentrierten Rahmen mit konkreten Regeln ausfüllen.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen
H2-Status-Check: Wo steht Ihre KI-Governance heute?
Unternehmen sollten kurzfristig einen Abgleich ihrer bestehenden KI-Strategie mit den in Neu-Delhi formulierten Leitplanken vornehmen:
Governance & Prozesse
- Gibt es ein zentrales KI-Governance-Board mit klaren Zuständigkeiten?
- Werden menschenrechtliche Auswirkungen systematisch in Risikoanalysen einbezogen?
Technik & Architektur
- Existieren Sicherheits-, Robustheits- und Red-Teaming-Konzepte für kritische KI-Systeme?
- Werden Energieverbrauch und Ressourceneinsatz von Modellen gemessen und optimiert?
Transparenz & Beteiligung
- Haben Nutzer:innen nachvollziehbare Informationen über den Einsatz von KI?
- Gibt es Beschwerde- und Eskalationswege bei fehlerhaften KI-Entscheidungen?
H3: Anpassung von Policies und Verträgen
Relevante Dokumente sollten mittelfristig angepasst werden:
Interne Richtlinien: Ergänzung um klare Prinzipien zu Menschenrechten, Fairness und Nachhaltigkeit von KI.
Lieferanten- und Partnerverträge: Aufnahme von Mindeststandards für KI-Sicherheit, Datenqualität, Transparenz und Rechenschaft.
Produkt- und Serviceverträge: Präzisere Regelungen zur Verantwortlichkeit bei KI-Fehlfunktionen, Audit-Rechten und Informationspflichten.
H3: Investitionen in nachhaltige und inklusive KI
Effiziente Modelle: Prüfen, in welchen Bereichen kleinere, spezialisierte Modelle große Foundation-Modelle ersetzen können – mit Vorteilen bei Kosten, Latenz und Energieverbrauch.
Regionale Partnerschaften: Aufbau von Kooperationen mit Hochschulen, Start-ups und öffentlichen Stellen in Regionen, die durch die Erklärung besonders unterstützt werden sollen.
Capacity Building: Interne Weiterbildungsprogramme zu menschenzentrierter KI, Ethik und Regulatorik verankern.
Ausblick: Von der politischen Erklärung zum faktischen Standard
Die New-Delhi-Erklärung ist kein Gesetz. Aber sie markiert einen Konsens von 88 Staaten und internationalen Organisationen, dass KI menschenzentriert, gerecht verteilt und nachhaltig gestaltet werden soll. Für Unternehmen bedeutet das:
Politische Erwartungen an KI-Anbieter und -Anwender werden global homogener.
Investitionen in verantwortliche KI-Architekturen, Governance und Transparenz zahlen sich nicht nur reputativ, sondern auch regulatorisch aus.
Wer frühzeitig Strategien und Produkte an diesem „AI for Humanity“-Paradigma ausrichtet, verschafft sich einen Vorsprung – bei öffentlichen Ausschreibungen, in Partnerschaften und in Märkten, die sich regulatorisch erst noch entwickeln.
Kurz: Die New-Delhi-Erklärung ist weniger ein fernes diplomatisches Ereignis als ein Frühindikator für die Bedingungen, unter denen KI-getriebene Geschäftsmodelle weltweit künftig skalieren können – oder eben nicht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist die New-Delhi-Erklärung zur „human-zentrierten“ KI?
Die New-Delhi-Erklärung ist eine politische Vereinbarung von 88 Staaten und internationalen Organisationen, die Leitprinzipien für eine menschenzentrierte Entwicklung und Nutzung von KI festlegt. Sie ist rechtlich nicht bindend, dient aber als globaler Referenzrahmen für künftige Gesetze, Förderprogramme und internationale Kooperationen rund um KI.
Welche Kernprinzipien definiert die New-Delhi-Erklärung für den Einsatz von KI?
Die Erklärung stellt Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Mittelpunkt und fordert unter anderem Grundrechtsschutz, Transparenz und Rechenschaftspflichten für risikoreiche KI. Zudem betont sie Sicherheit, Robustheit, ökologische Nachhaltigkeit und eine faire, globale Verteilung von Rechenressourcen und KI-Know-how.
Welche Auswirkungen hat die New-Delhi-Erklärung auf Unternehmen weltweit?
Unternehmen müssen damit rechnen, dass Regulierungen in vielen Ländern stärker an menschenzentrierten, risikobasierten Prinzipien ausgerichtet werden. Wer KI-Systeme entwickelt oder einsetzt, wird verstärkt Anforderungen zu Governance, Transparenz, Fairness, Sicherheit und Nachhaltigkeit erfüllen müssen – oft auch über einzelne Jurisdiktionen wie die EU hinaus.
Wie unterscheidet sich die New-Delhi-Erklärung von verbindlichen KI-Gesetzen wie dem EU AI Act?
Die New-Delhi-Erklärung ist ein politisches Signal und kein Gesetz; sie formuliert gemeinsame Leitlinien, ohne konkrete Rechtsfolgen oder Sanktionen festzulegen. Der EU AI Act dagegen ist ein rechtlich verbindlicher Rechtsrahmen mit detaillierten Pflichten und Bußgeldern, wird aber inhaltlich durch die in der Erklärung verankerten menschenzentrierten Prinzipien gestützt.
Wie sollten Unternehmen ihre KI-Governance im Lichte der New-Delhi-Erklärung anpassen?
Unternehmen sollten ein zentrales KI-Governance-Modell etablieren, das menschenrechtliche Risiken, Sicherheit, Robustheit und Nachhaltigkeit systematisch adressiert. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, Risikoanalysen, Red-Teaming-Konzepte, Messung des Energieverbrauchs sowie Beschwerde- und Transparenzmechanismen für Nutzerinnen und Nutzer.
Welche Rolle spielt die Demokratisierung von Rechenressourcen in der New-Delhi-Erklärung?
Die Erklärung fordert einen breiteren, fairen Zugang zu Compute-Infrastruktur wie Rechenzentren, GPUs und Cloud-Diensten, insbesondere für Länder des Globalen Südens. Für Anbieter von Cloud-, Chip- und KI-Services bedeutet das, ihre Infrastruktur- und Partnerstrategien geografisch diverser, inklusiver und kooperationsorientierter auszurichten.
Welche praktischen Schritte sollten Unternehmen jetzt konkret einleiten?
Unternehmen sollten interne Richtlinien, Lieferantenverträge und Produktverträge um klare KI-Prinzipien zu Menschenrechten, Fairness, Sicherheit und Nachhaltigkeit ergänzen. Parallel dazu empfiehlt sich, in effiziente Modelle, energieoptimierte Architekturen, regionale Partnerschaften sowie Schulungen zu Ethik und Regulatorik von KI zu investieren, um regulatorisch und marktseitig zukunftssicher aufgestellt zu sein.