New-Delhi-Erklärung: Was die neuen Leitplanken für „demokratische“ KI-Governance für Unternehmen bedeuten
22.02.2026

Auf dem AI Impact Summit 2026 in Neu-Delhi haben 88 Staaten und internationale Organisationen die New-Delhi-Erklärung zur KI verabschiedet. Im Zentrum stehen die Demokratisierung von KI-Ressourcen, inklusiver Zugang, vertrauenswürdige und energieeffiziente Systeme sowie der Aufbau von Humankapital – vor allem mit Blick auf den Globalen Süden. Der Beitrag ordnet ein, wie sich die politischen Leitplanken auf Unternehmensstrategien, Compliance, Daten-Partnerschaften und Standortentscheidungen auswirken können und worauf sich internationale Player jetzt einstellen sollten.
New-Delhi-Erklärung: Was die neuen Leitplanken für „demokratische“ KI-Governance für Unternehmen bedeuten
Kontext: Was in Neu-Delhi beschlossen wurde
Auf dem AI Impact Summit vom 18.–19. Februar 2026 in Neu-Delhi haben 88 Staaten und internationale Organisationen die New-Delhi-Erklärung zur Wirkung von KI verabschiedet. Erstmals rückt ein globales Dokument die Frage in den Mittelpunkt, wer überhaupt Zugang zu KI erhält, nicht nur, wie sicher KI ist.
Kernpunkte der Erklärung:
Demokratisierung von KI-Ressourcen: Rechenleistung, Daten, Modelle und Tools sollen breiter verfügbar und bezahlbar werden – insbesondere für Länder und Organisationen mit begrenzter Infrastruktur.
Sieben „Chakras“ (Säulen) des Kooperationsrahmens:
- Demokratisierte KI-Ressourcen
- Wirtschaftswachstum & gesellschaftlicher Nutzen
- Sichere und vertrauenswürdige KI
- KI für Wissenschaft
- Zugang für soziale Ermächtigung
- Entwicklung von Humankapital
- Resiliente, energieeffiziente und innovative KI-Systeme
Fokus Globaler Süden: Robuste digitale Infrastruktur, erschwingliche Konnektivität und berufliche Weiterbildung werden als Voraussetzungen für KI-Teilnahme definiert.
Nicht bindend, aber politisch wirksam: Die Erklärung selbst ist rechtlich unverbindlich, dient jedoch als Referenzrahmen für kommende nationale und regionale Regulierungen.
Für Unternehmen ist entscheidend: Die politische Erwartung verschiebt sich von rein risikoorientierter KI-Regulierung hin zu inklusive, zugangsorientierten und kollaborativen Ökosystemen.
Neue Governance-Logik: Von „Wer reguliert?“ zu „Wer darf mitmachen?“
Implikation 1: Zugang und Fairness werden Governance-Kriterien
Bisher lag der Schwerpunkt vieler KI-Rahmenwerke – etwa beim EU AI Act oder der Bletchley-Erklärung – auf Sicherheit, Transparenz und Aufsicht. Die New-Delhi-Erklärung ergänzt dies um eine verteilungspolitische Dimension:
Zugang zu Basismodellen und Rechenressourcen wird politisch aufgewertet.
Große Anbieter geraten stärker unter Druck, offene Schnittstellen, abgestufte Zugänge oder vergünstigte Modelle für Bildung, Forschung und Entwicklungsländer anzubieten.
Für Unternehmen bedeutet das:
Plattform- und Anbieterwahl wird zu einer Governance-Frage: Wer unterstützt faire Zugänge, Open-Source-Ansätze „wo angemessen“ und lokale Innovation?
Investoren und Aufsichtsbehörden könnten künftig nachfragen, inwieweit KI-Strategien Zugang, Inklusion und regionale Entwicklung berücksichtigen.
Implikation 2: Ergänzung bestehender Regulierungen
Auch wenn die Erklärung freiwillig ist, wird sie voraussichtlich:
in nationale KI-Strategien und Gesetze einfließen (z.B. Förderprogramme, Public-Procurement-Kriterien, Dateninfrastrukturprojekte),
als Bezugspunkt in multilateralen Foren (G20, UN, OECD, EU–Indien) dienen.
Unternehmen sollten davon ausgehen, dass künftige Regeln nicht nur „Do no harm“, sondern auch „Enable broad benefit“ einfordern.
Konkrete Auswirkungen für Unternehmen
1. Compliance- und Governance-Strategien anpassen
Unternehmen mit signifikanter KI-Nutzung sollten ihre Governance-Rahmenwerke an den neuen Erwartungshorizont anpassen:
Policy-Update: Ergänzung bestehender KI-Richtlinien um Prinzipien wie Zugangsgerechtigkeit, Erschwinglichkeit und Teilhabe (z.B. für Kunden, Partner, Regionen mit schwächerer Infrastruktur).
Berichtspflichten antizipieren: Nachhaltigkeits- und Impact-Reports könnten künftig Kennzahlen zu
- Zugang zu KI-Tools für unterschiedliche Nutzergruppen,
- Beiträgen zu Ausbildung/Reskilling im KI-Bereich,
- Energieeffizienz der genutzten KI-Workloads
enthalten.
Risikomanagement erweitern: Neben Modellrisiken rücken
- Standort- und Infrastrukturrisiken (Rechenzentren, Konnektivität),
- Reputationsrisiken bei ausschließlicher Fokussierung auf proprietäre, geschlossene Lösungen
stärker in den Fokus.
2. Daten- und Technologie-Partnerschaften neu bewerten
Die Erklärung skizziert mehrere freiwillige Initiativen (z.B. „Charter for the Democratic Diffusion of AI“, „Global AI Impact Commons“, „Trusted AI Commons“). Für Unternehmen eröffnen sich hier Perspektiven:
Teilnahme an Commons-Initiativen:
- Bereitstellung von Datensätzen, Benchmarks oder Referenz-Use-Cases in globalen KI-Commons,
- Mitwirkung in internationalen Netzwerken für „AI for Science“.
Kooperation mit Regierungen und Entwicklungsorganisationen:
- Aufbau von branchenspezifischen KI-Lösungen (z.B. Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung) in Ländern mit geringer digitaler Durchdringung,
- Public-Private-Partnerships rund um Trainings- und Re-/Upskilling-Programme.
Beispiel:
Ein europäischer MedTech-Anbieter kooperiert mit indischen und afrikanischen Kliniken, stellt ein Open-Source-Triage-Tool bereit und nutzt Förderprogramme, die explizit auf die New-Delhi-Prinzipien verweisen. Das stärkt Marktzugang und regulatorische Goodwill zugleich.
3. Standort- und Infrastrukturentscheidungen strategisch ausrichten
Die New-Delhi-Erklärung betont robuste digitale Infrastruktur und energieeffiziente KI-Systeme. Für international agierende Unternehmen heißt das:
Rechenzentrumsstrategie überprüfen:
- Standortwahl nicht nur nach Energiepreis, sondern auch nach
- politischer Unterstützung für KI,
- Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte,
- Anbindung an internationale KI-Initiativen.
- Einsatz energieeffizienter Hardware und optimierter Modelle als künftiger lizenz- oder förderrelevanter Faktor.
Near- und Offshoring neu bewerten:
- Länder, die die Erklärung aktiv umsetzen (z.B. mit KI-Hubs oder Subventionsprogrammen für Rechenleistung), werden als attraktive KI-Standorte relevanter.
4. Produkt- und Go-to-Market-Strategie überdenken
Insbesondere für KI-Anbieter und Plattformunternehmen ergeben sich konkrete Handlungsfelder:
Preis- und Lizenzmodelle:
- abgestufte Preismodelle für Bildung, NGOs, Schwellenländer,
- vergünstigter oder Open-Source-Zugang zu Basismodellen „wo angemessen“.
Lokalisierte KI-Lösungen:
- Anpassung von Modellen an lokale Sprachen, rechtliche Rahmen und Nutzungsszenarien,
- Zusammenarbeit mit lokalen Universitäten und Start-ups.
Beispiel:
Ein SaaS-Anbieter für Dokumenten-Automatisierung führt ein spezielles „Emerging Markets Program“ ein, das reduzierte Preise, On-Device-Modelle mit geringeren Hardwareanforderungen und Trainingspakete für Behörden in Partnerländern kombiniert.
Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten
Kurzfristig (0–6 Monate)
Policy- und Risiko-Scan:
- Abgleich interner KI-Richtlinien mit den sieben Säulen der New-Delhi-Erklärung.
- Identifikation von Lücken bei Zugang, Inklusion, Energieeffizienz und Humankapital.
Stakeholder-Mapping:
- Welche Regierungen, Branchenverbände oder multilateralen Initiativen im eigenen Markt beziehen sich bereits auf die Erklärung?
Pilotprojekte definieren:
- Mindestens ein Projekt, das explizit auf demokratisierten KI-Zugang zielt (z.B. Open-Source-Tool, Bildungskooperation, Low-Compute-Variante eines Produkts).
Mittelfristig (6–24 Monate)
Strategische Partnerschaften aufbauen:
- Eintritt in entsprechende Commons- oder Netzwerkinitiativen (AI for Science, Trusted AI Commons usw.), sofern geschäftlich sinnvoll.
Humankapital-Strategie anpassen:
- Aufbau interner AI-Literacy-Programme für Fachabteilungen,
- Kooperation mit Bildungseinrichtungen in Kernmärkten zur Stärkung lokaler KI-Kompetenzen.
Berichtswesen vorbereiten:
- Entwicklung interner KPIs zu Zugang, Energieeffizienz und Inklusion von KI-Systemen.
Fazit: Politische Erwartung an „demokratische KI“ wird zum strategischen Faktor
Die New-Delhi-Erklärung markiert keinen abrupten regulatorischen Bruch, wohl aber eine klare Verschiebung der politischen Zielgrößen: KI soll nicht nur sicher und kontrollierbar sein, sondern auch breit zugänglich, erschwinglich und global nutzbar.
Für Unternehmen bedeutet das:
KI-Strategien, die ausschließlich auf proprietäre, hochkonzentrierte Wertschöpfung ausgerichtet sind, geraten mittelfristig unter politischen und reputativen Druck.
Wer frühzeitig auf inklusive, transparente und kollaborative KI-Ökosysteme setzt, verbessert seine Chancen bei Regulierung, Förderung, Talentrekrutierung und Marktakzeptanz.
Die New-Delhi-Erklärung ist damit weniger ein einzelnes Regulierungsinstrument als ein Kompass, an dem sich die nächste Welle konkreter KI-Vorschriften und -Förderprogramme weltweit ausrichten dürfte – und auf den sich international agierende Unternehmen jetzt strategisch vorbereiten sollten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist die New-Delhi-Erklärung zur Wirkung von KI?
Die New-Delhi-Erklärung ist ein auf dem AI Impact Summit 2026 verabschiedeter, rechtlich nicht bindender Rahmen für eine demokratische KI-Governance. Sie legt Leitprinzipien für breiten Zugang zu KI-Ressourcen, vertrauenswürdige und energieeffiziente Systeme sowie den Aufbau von Humankapital fest – mit besonderem Fokus auf den Globalen Süden.
Wie unterscheidet sich die New-Delhi-Erklärung von bisherigen KI-Rahmenwerken wie dem EU AI Act?
Während der EU AI Act primär auf Risikoklassen, Sicherheit und Aufsicht abzielt, ergänzt die New-Delhi-Erklärung diese Perspektive um Zugangsgerechtigkeit und Teilhabe. Der Fokus verschiebt sich von der Frage „Wer reguliert KI?“ hin zu „Wer bekommt Zugang zu KI und unter welchen Bedingungen?“.
Welche konkreten Auswirkungen hat die New-Delhi-Erklärung auf Unternehmen?
Unternehmen müssen ihre KI-Governance stärker an Kriterien wie Zugang, Inklusion, Energieeffizienz und Humankapital ausrichten. Das betrifft Compliance-Richtlinien, Berichtswesen, Standort- und Infrastrukturentscheidungen sowie die Gestaltung von Daten- und Technologie-Partnerschaften.
Wie sollten Unternehmen ihre KI-Strategie im Lichte der New-Delhi-Erklärung anpassen?
Unternehmen sollten ihre bestehenden KI-Policies systematisch mit den sieben Säulen der Erklärung abgleichen und Lücken etwa bei Zugangsgerechtigkeit oder Energieeffizienz schließen. Zudem empfiehlt sich der Aufbau von Pilotprojekten für demokratisierten KI-Zugang, die Entwicklung passender KPIs und die Integration der neuen Leitplanken in Risiko- und Investitionsentscheidungen.
Welche Rolle spielt der Globale Süden in der New-Delhi-Erklärung?
Der Globale Süden steht im Zentrum der Erklärung, da hier fehlende digitale Infrastruktur, begrenzte Rechenressourcen und Qualifikationslücken die Nutzung von KI bislang stark einschränken. Die Leitplanken zielen darauf ab, Konnektivität, Humankapital und faire Zugänge gezielt zu fördern und internationale Kooperationen zu stärken.
Was ist der Unterschied zwischen „demokratisierten KI-Ressourcen“ und klassisch proprietären KI-Angeboten?
Demokratisierte KI-Ressourcen bedeuten breiten, erschwinglichen und abgestuften Zugang zu Rechenleistung, Modellen, Daten und Tools – etwa durch offene Schnittstellen, vergünstigte Lizenzen oder Open-Source-Komponenten. Klassisch proprietäre Angebote setzen dagegen stark auf geschlossene Ökosysteme, exklusive Datennutzung und oft hohe Eintrittshürden für kleinere Akteure und Entwicklungsländer.
Was sollten internationale Unternehmen jetzt konkret tun, um vorbereitet zu sein?
Kurzfristig sollten sie einen Policy- und Risiko-Scan durchführen, relevante Stakeholder und Initiativen zur New-Delhi-Erklärung identifizieren und mindestens ein Projekt zur Förderung demokratisierten KI-Zugangs starten. Mittelfristig sind der Aufbau strategischer Partnerschaften, Investitionen in AI-Literacy-Programme und die Etablierung von Kennzahlen zu Zugang, Inklusion und Energieeffizienz entscheidend.