Luxemburg macht den EU-KI-Rechtsrahmen greifbar: Was Unternehmen aus dem Gipfel „AI Act in Action“ lernen müssen
20.01.2026

Luxemburg hat am 20.01.2026 beim Gipfel „The AI Act in Action – Bridging policy and practice in the age of AI“ sehr konkret gezeigt, wie sich die EU‑KI‑Verordnung (AI Act) in Unternehmenspraxis übersetzen lässt. Regierung, CNPD und Handelskammer haben Rollen von Aufsichtsbehörden, den künftigen Single Point of Contact sowie Sandbox‑ und ReMI‑Initiativen erläutert. Der Beitrag analysiert, was dieses Governance‑Modell für Risiko‑Management, Produktentwicklung und Compliance‑Strategien von Unternehmen in Luxemburg und anderen EU‑Staaten bedeutet – und welche Umsetzungsschritte Entscheider jetzt priorisieren sollten.
Luxemburg macht den EU-KI-Rechtsrahmen greifbar: Was Unternehmen aus dem Gipfel „AI Act in Action“ lernen müssen
Am 20. Januar 2026 hat Luxemburg mit der Konferenz „The AI Act in Action – Bridging policy and practice in the age of AI“ einen wichtigen Praxistest für die Umsetzung des EU-AI-Act geliefert. Über 300 Teilnehmende aus Unternehmen, Verwaltung und Beratung diskutierten, wie sich abstrakte EU-Vorgaben in konkrete Governance-, Risiko- und Produktstrategien übersetzen lassen.
Der Gipfel ist weit mehr als ein nationales Event: Er gibt einen frühen Einblick, wie nationale Aufsichtsstrukturen, Single Points of Contact, Sandboxes und Programme wie „Regulation Meets Innovation (ReMI)“ in Zukunft zusammenwirken könnten. Für Unternehmen in Luxemburg – und alle, die KI im EU-Binnenmarkt skalieren wollen – ist das ein Vorgeschmack auf künftige Prüfpfade, Zertifikate und Best Practices.
1. Kontext: Was beim „AI Act in Action“-Gipfel in Luxemburg passiert ist
1.1 Akteure und Zielsetzung der Konferenz
Die Konferenz fand am 20.01.2026 in der Handelskammer Luxemburg statt. Veranstalter waren:
das Department of Media, Connectivity and Digital Policy des Staatsministeriums,
die Handelskammer Luxemburg,
die nationale Datenschutzaufsicht CNPD.
Auf dem Podium vertreten waren u. a. Elisabeth Margue (Ministerin‑Delegierte beim Premierminister für Medien und Konnektivität), Tine A. Larsen (Präsidentin der CNPD), Carlo Thelen (Generaldirektor der Handelskammer) sowie Dr. Lucilla Sioli, Direktorin des EU AI Office.
Zentrales Ziel: Die Anforderungen des EU-AI-Act aus der Perspektive von Unternehmen „entmystifizieren“ und anhand von Use Cases, Tools und Governance-Modellen konkretisieren.
1.2 Themenblöcke: Von der Theorie zur Umsetzung
Die Agenda war deutlich praxisorientiert und deckte fünf Kernbereiche ab:
„Demystifying the AI Act“ – Aufschlüsselung der neuen Rollen (Provider, Deployer, Distributor, User) und ihrer Pflichten anhand realer Unternehmensanwendungen.
Compliance in der Praxis – Zuweisung von Verantwortlichkeiten in der Wertschöpfungskette, Auswahl von KI-Anbietern, Auditierbarkeit und Transparenz gegenüber Kunden.
AI Literacy – Umsetzung der im AI Act verankerten Pflicht zur KI-Kompetenz („AI literacy“) für alle Organisationen, unabhängig von der Größe.
Nationale Governance – Ausgestaltung der luxemburgischen Aufsichtsarchitektur, inkl. Single Contact Point und Koordination zwischen Regulatoren.
Support for Innovation – Vorstellung von Sandbox- und ReMI-Ansätzen, AI-Experience-Centern und Dienstleistungsmodellen als Brücke zwischen Innovation und Compliance.
Damit bewegt sich Luxemburg weg von abstrakten Rechtsdiskussionen hin zu einer Art „Implementierungs-Blueprint“, an dem sich andere Mitgliedstaaten orientieren können.
2. Nationale Governance als Blaupause: Rollen, Single Point of Contact, ReMI & Sandbox
2.1 Verteilte Aufsicht mit klarem Zugangspunkt
Der AI Act gibt einen europäischen Rahmen vor, überlässt aber jedem Mitgliedstaat die konkrete Ausgestaltung der nationalen Governance. Luxemburg nutzte die Konferenz, um zentrale Elemente eines solchen Modells öffentlich zu diskutieren:
Mehrere Aufsichtsbehörden sollen je nach Sektor bzw. Fragestellung zuständig sein (z. B. CNPD für datenschutzbezogene und Teile der KI-Aufsicht, weitere Behörden für Finanzmarkt, Gesundheit etc.).
Ein „Single Contact Point“ (Single Point of Contact) bündelt für Unternehmen den Zugang: Statt sich durch die Behördenlandschaft zu arbeiten, gibt es eine zentrale Anlaufstelle für Fragen, Meldungen und ggf. Beschwerden.
Ein koordinierter Governance-Rahmen soll Doppelprüfungen und Fragmentierung vermeiden, indem Zuständigkeiten und Informationsflüsse zwischen den Behörden klar geregelt werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Die künftigen Kommunikations- und Prüfpfade unter dem AI Act werden planbarer. Wer früh versteht, wie der Single Contact Point arbeitet und welche Informationen erwartet werden, kann seine interne Compliance-Organisation zielgerichtet ausrichten.
2.2 ReMI (Regulation Meets Innovation) als Dialog- und Lernformat
Mit der Initiative „Regulation Meets Innovation (ReMI)“ verfolgt Luxemburg den Anspruch, Regulierung und Innovation systematisch zu verzahnen. Kernelemente:
Aufbau einer Community of Practice aus Unternehmen, Start-ups, Tech-Anbietern, Regulierern und Fachleuten.
Strukturierter Austausch über konkrete KI-Anwendungen, Risiken, Kontrollmechanismen und Best Practices.
Möglichkeit, offene Rechtsfragen oder Auslegungsprobleme frühzeitig mit Aufsichtsbehörden zu diskutieren.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein doppelter Nutzen:
Orientierung: ReMI liefert früh Signale, welche Lücken die Aufseher in aktuellen KI-Implementierungen sehen.
Mitgestaltung: Unternehmen können durch ihre Praxisbeispiele mitprägen, wie Aufsichten künftige Leitlinien, FAQs und Prüfkonzepte entwickeln.
2.3 CNPD-Sandbox und AI-Experience-Center als Testfeld für Compliance-by-Design
Parallel dazu setzt Luxemburg auf experimentelle Formate:
Die CNPD betreibt eine KI-Regulierungs-Sandbox, in der Unternehmen innovative KI-Systeme in einem überwachten Rahmen testen und gemeinsam mit der Aufsicht geeignete Schutz- und Kontrollmechanismen entwickeln können.
Das AI Experience Center im Luxembourg House of Financial Technology (LHoFT) versteht sich als praxisnahes Labor, in dem Finanzmarktakteure KI-Use-Cases, Datenstrategien und Kontrollmechanismen unter realitätsnahen Bedingungen erproben.
Das Ziel dieser Instrumente ist klar: Compliance-by-Design statt nachträglicher Reparatur. Unternehmen, die frühzeitig in Sandbox-Formate gehen, können technische und organisatorische Maßnahmen (z. B. Logging, Risk-Scoring, Monitoring, Human Oversight) iterativ mitentwickeln, bevor diese de facto Standard in Prüfungen werden.
3. Detaillierte Analyse: Was das luxemburgische Modell für Unternehmen bedeutet
3.1 Governance- und Organisationsstruktur: Von der KI-Strategie zum Kontrollsystem
Die Luxemburger Diskussion verdeutlicht, dass der AI Act nicht nur ein Rechts-, sondern vor allem ein Governance-Projekt ist. Konsequenzen für Unternehmen:
Rollenklärung entlang der Wertschöpfungskette: Jedes KI-Projekt muss definieren, ob das Unternehmen Provider, Deployer, Distributor oder User ist – oft sogar in mehreren Rollen gleichzeitig (z. B. interner Provider, externer Deployer).
Verzahnung mit bestehenden GRC-Strukturen: KI-Risikomanagement darf nicht isoliert entstehen. Es muss in bestehende Governance-, Risk- und Compliance-Systeme (GRC), Datenschutzmanagement und Informationssicherheit integriert werden.
Board-Level-Verantwortung: Aussagen der politischen und regulatorischen Vertreter deuten darauf hin, dass Aufsichten künftig nach klaren Zuständigkeiten im Management, definierten Entscheidungswegen und Ressourcen für KI-Compliance fragen werden.
Unternehmen, die KI derzeit eher „bottom-up“ in Fachabteilungen einsetzen, bekommen damit ein klares Signal: Ohne strukturierte Governance wird es mit Inkrafttreten der zentralen Pflichten des AI Act deutlich riskanter.
3.2 Risikomanagement und Klassifizierung von KI-Systemen
Ein wiederkehrendes Motiv der Konferenz war die Risikoklassifizierung von KI-Systemen – also die Frage, ob eine Anwendung unter den AI Act fällt und, wenn ja, in welcher Risikokategorie (vom verbotenen System über Hochrisiko-KI bis hin zu Systemen mit spezifischen Transparenzpflichten oder minimalem Risiko).
Praktisch relevant sind insbesondere:
Systematische Inventarisierung aller KI-Anwendungen im Unternehmen (inkl. SaaS-Tools und Drittanbieter-Modelle).
Standardisierte Bewertungsschemata, die juristische Kriterien in prüfbare Fragen übersetzen (z. B. „greift das System in Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Kreditvergabe, Gesundheitsleistungen ein?“).
Dokumentierte Entscheidung, warum eine Anwendung (nicht) als Hochrisiko-System klassifiziert wurde.
Die von Unternehmen auf dem Gipfel diskutierten Use Cases zeigen: Eine fehlerhafte oder nicht dokumentierte Klassifizierung wird sich künftig kaum noch rechtfertigen lassen – insbesondere wenn es zu Vorfällen, Beschwerden oder Audits kommt.
3.3 Lieferkette und Provider-Auswahl: Vom Feature- zum Compliance-Vergleich
Ein weiterer Schwerpunkt in Luxemburg war die Frage, wie Unternehmen KI-Provider auswählen und welche Nachweise sie dabei verlangen sollten. Absehbar ist eine Verschiebung im Beschaffungsprozess:
Neben Preis und Performance werden Compliance-Fähigkeiten und Nachweisdokumente (z. B. Konformitätsbewertung, technische Dokumentation, Logging-Konzepte) zu harten Auswahlkriterien.
Unternehmen sollten vertraglich klar regeln, welche Pflichten der Provider übernimmt (z. B. Datenqualität, Modellüberwachung, Incident-Meldungen) und welche Pflichten beim Deployer verbleiben.
Interne Einkaufs- und Vendor-Management-Prozesse müssen um AI-Act-spezifische Checklisten ergänzt werden.
Luxemburgische Unternehmen, die stark auf internationale Cloud- und KI-Anbieter setzen, bekommen damit ein deutliches Signal: Beschaffung wird regulatorisch anspruchsvoller – und frühzeitiger Dialog mit Providern wird zum Wettbewerbsfaktor.
3.4 AI Literacy als Querschnittspflicht
Der AI Act verlangt von Organisationen ein angemessenes Maß an AI Literacy – also Verständnis von Funktionsweise, Risiken und Grenzen der eingesetzten KI-Systeme. Die Luxemburger Session dazu machte deutlich:
AI Literacy ist nicht nur ein Thema für Data Scientists, sondern betrifft Management, Fachbereiche, Compliance, Datenschutz, HR und Betriebsräte.
Schulungen müssen rollenbasiert sein: Eine Produktmanagerin braucht anderes Wissen als ein Mitglied des Aufsichtsrats oder ein Kundenbetreuer im Front Office.
AI Literacy ist eng mit Change Management verknüpft. Nur wenn Mitarbeitende Risiken verstehen, werden sie Fehler melden, Override-Möglichkeiten nutzen und Verdachtsmomente ernst nehmen.
Unternehmen, die KI ausschließlich als Effizienztool behandeln, ohne Kompetenzen aufzubauen, laufen Gefahr, die formalen AI-Literacy-Anforderungen zu verfehlen – selbst dann, wenn Technik und Prozesse gut dokumentiert sind.
4. Praxisbeispiele und Szenarien: Wie Unternehmen den Luxemburger Ansatz nutzen können
4.1 Beispiel Finanzinstitut: Kredit-Scoring und AML-Monitoring
Ein Luxemburger Finanzinstitut betreibt bereits KI-gestützte Systeme für Kreditwürdigkeitsprüfungen und Geldwäsche-Monitoring (AML). Mit Blick auf den AI Act und die Luxemburger Governance-Struktur könnte ein Fahrplan so aussehen:
Systeminventur: Erfassung aller KI-Komponenten in Kredit- und Compliance-Prozessen, inkl. Drittanbieter-Modelle.
Risikoklassifizierung: Einordnung als (vermutlich) Hochrisiko-Systeme, da Entscheidungen Zugang zu Finanzdienstleistungen betreffen.
Kontakt mit Single Point of Contact: Frühzeitige Klärung, welche Dokumentations- und Meldepflichten für diese Systeme erwartet werden.
Nutzung der CNPD-Sandbox: Test eines neuen Scoring-Modells in der Sandbox, um Fairness-Metriken, Bias-Kontrollen und Logging-Strukturen gemeinsam mit der Aufsicht zu erproben.
AI-Experience-Center: Teilnahme an LHoFT-Programmen, um Best Practices anderer Institute kennenzulernen und potenzielle Audit-Standards vorwegzunehmen.
AI-Literacy-Programm: Entwicklung eines mehrstufigen Schulungskonzepts für Risk-Manager, Kreditsachbearbeiter, Compliance und IT.
So kann das Institut nicht nur regulatorische Risiken reduzieren, sondern sich gleichzeitig als verlässlicher, verantwortungsvoller Marktakteur positionieren – ein zunehmend wichtiger Faktor in der Kunden- und Investorenkommunikation.
4.2 Beispiel Industrieunternehmen: Predictive Maintenance und Qualitätskontrolle
Ein produzierendes Unternehmen in Luxemburg nutzt KI für vorausschauende Wartung und visuelle Qualitätskontrolle. Auf den ersten Blick sind dies nicht klassische Hochrisiko-Anwendungen im Sinne des AI Act – dennoch entstehen Pflichten:
Prüfung der Risikoklasse: Dokumentierte Bewertung, ob Sicherheits- oder Produktkonformitätsanforderungen betroffen sind (z. B. Maschinenrichtlinie, Produktsicherheitsrecht).
Lieferketten-Compliance: Anforderung von Dokumentation und Zusicherungen der KI-Provider, insbesondere zu Trainingsdaten, Robustheit und Fehlerraten.
Interne Policies: Festlegung, wann und wie menschliche Fachkräfte Entscheidungen der KI übersteuern oder kontrollieren können.
Schulung der Instandhaltungsteams: Aufbau von AI Literacy, damit Mitarbeitende Warnsignale erkennen, Modellgrenzen verstehen und Fehlfunktionen korrekt eskalieren.
Dialog mit Aufsicht und ReMI: Einbringen der Use Cases in ReMI, um frühzeitig Hinweise zu bekommen, ob die Aufsicht bestimmte Steuerungsmaßnahmen oder Dokumentationsstandards erwartet.
Damit zeigt sich: Auch scheinbar „risikoarme“ KI-Anwendungen profitieren von klaren Governance-Strukturen und dem Zugang zu Formaten wie ReMI oder Sandbox.
4.3 Beispiel KMU-Dienstleister: Generative KI im Kundenservice
Ein kleines Dienstleistungsunternehmen nutzt generative KI-Tools für Kundenkommunikation und interne Wissensmanagement-Systeme. Typische Schritte, die sich aus der Luxemburger Debatte ableiten lassen:
Policy für generative KI: Festlegung, in welchen Prozessen genAI zulässig ist, wie Inhalte freigegeben werden und welche Daten nicht eingegeben werden dürfen.
Rolle als Deployer/User: Klärung der Statusrolle gegenüber dem Tool-Anbieter und Anpassung der Verträge (z. B. Haftung, Datenverarbeitung, Logging).
AI Literacy light: Kurze, aber klare Schulungen für Mitarbeitende zu Risiken von Halluzinationen, Datenschutzfragen und Markenrisiken.
Kontakt mit Beratungs- oder Kammerangeboten: Nutzung von Informations- und Schulungsangeboten der Handelskammer, um die eigenen Minimalanforderungen an Dokumentation und Transparenz festzulegen.
Das Luxemburger Modell macht deutlich: Auch KMU werden nicht von AI-Act-Pflichten ausgenommen, benötigen aber skalierbare, pragmatische Umsetzungshilfen – genau darauf zielen Single Contact Point, Kammer-Services und ReMI ab.
5. Geschäftliche Relevanz: Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten
5.1 Kurzfristige Prioritäten (nächste 6–12 Monate)
Unabhängig vom Sitz im EU-Binnenmarkt können Unternehmen aus dem Luxemburger Beispiel folgende kurzfristige Maßnahmen ableiten:
KI-Inventur starten: Vollständige Übersicht über alle KI- und genAI-Anwendungen im Unternehmen erstellen – inkl. Shadow-IT und Pilotprojekte.
Vorläufige Risikoklassifizierung: Erste Zuordnung zu AI-Act-Kategorien mit dokumentierten Begründungen.
Verantwortlichkeiten definieren: Benennung eines KI-Verantwortlichen oder Gremiums, das Governance, Risiko und Compliance bündelt (ggf. im Zusammenspiel mit DSB, CISO, Compliance).
Lieferanten-Check: Überprüfung zentraler KI-Anbieter auf ihre AI-Act-Readiness und Anpassung von Verträgen und Due-Diligence-Fragen.
AI-Literacy-Programm designen: Entwicklung einer Schulungs-Roadmap, die zunächst kritische Rollen adressiert (Management, Produktverantwortliche, Compliance, IT).
5.2 Mittelfristige Schritte (12–24 Monate)
Sobald nationale Governance-Strukturen und Single Contact Points klarer sichtbar werden, rücken weitere Maßnahmen in den Fokus:
Integration in das Enterprise Risk Management: KI-Risiken in bestehende Risikokataloge, Kontrollen und Reporting-Strukturen einbetten.
Aufbau von Evidence-Fähigkeit: Systeme, Prozesse und Dokumentation so gestalten, dass Unternehmen in Audits oder bei Anfragen der Aufsicht rasch belastbare Nachweise liefern können.
Teilnahme an Sandbox- und ReMI-Formaten: Teilnahme dort, wo kritische oder innovative KI-Anwendungen im Einsatz sind oder geplant werden.
Produkt- und Serviceentwicklung anpassen: Entwicklung neuer KI-Produkte nur noch mit integriertem Compliance- und Ethik-Review („AI-Compliance-Gate“ im Stage-Gate-Prozess).
5.3 Strategische Perspektive: KI als Resilienz- und Vertrauenskatalysator
Stimmen aus Regierung, CNPD und Handelskammer betonen, dass der AI Act nicht nur als Belastung, sondern als Resilienz- und Innovationshebel verstanden werden soll. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine strategische Frage:
Positionieren wir uns lediglich als „Minimal-Compliance“-Akteur, der Anforderungen mit möglichst wenig Aufwand erfüllt?
Oder nutzen wir den AI Act als Chance, vertrauenswürdige KI zum Markenzeichen zu machen – etwa durch freiwillige Audits, Transparenzberichte oder Zertifizierungen?
Das Luxemburger Governance-Modell begünstigt eindeutig den zweiten Weg, weil es dialogorientierte Formate, Experimentierräume und Unterstützungsangebote sichtbar macht.
6. Fazit und Kernbotschaften für Entscheider
Die Konferenz „AI Act in Action“ markiert einen wichtigen Übergang: vom Rechtsakt auf EU-Ebene zur konkreten Umsetzung in nationalen Strukturen und Unternehmensprozessen. Luxemburg zeigt, wie eine koordinierte Governance, ein Single Point of Contact und innovationsfreundliche Unterstützungsinstrumente zusammenspielen können.
Für Unternehmen – ob in Luxemburg oder anderen EU-Staaten – ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: KI darf nicht länger als experimentelles Randthema behandelt werden, sondern muss integraler Bestandteil von Governance, Risiko- und Compliance-Strategien werden.
Zentrale Takeaways:
Vom Gesetz zur Praxis: Luxemburg demonstriert, wie der EU-AI-Act in konkrete Prüfpfade, Rollenmodelle und Unterstützungsangebote übersetzt werden kann.
Single Point of Contact: Ein zentraler Zugang zur Aufsicht reduziert Komplexität, verlangt aber von Unternehmen saubere Governance- und Dokumentationsstrukturen.
ReMI und Sandbox: Dialog- und Testformate schaffen Raum, um KI-Innovationen mit der Aufsicht gemeinsam weiterzuentwickeln – ein Wettbewerbsvorteil für frühe Teilnehmer.
AI Literacy als Pflicht: Schulung und Kompetenzaufbau über alle Ebenen hinweg sind kein „nice to have“, sondern explizite gesetzliche Anforderung.
Lieferketten und GRC im Fokus: Provider-Auswahl, Vertragsgestaltung und Integration in bestehende Risk- und Compliance-Systeme werden zu zentralen Hebeln für AI-Act-Konformität.
Jetzt handeln: Unternehmen, die schon 2026 mit Inventarisierung, Klassifizierung und Governance-Aufbau beginnen, reduzieren nicht nur Rechtsrisiken, sondern schaffen die Basis für skalierbare, vertrauenswürdige KI im Binnenmarkt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der EU-AI-Act und welche Rolle spielt Luxemburg bei der Umsetzung?
Der EU-AI-Act ist der neue europäische Rechtsrahmen für Künstliche Intelligenz, der insbesondere Hochrisiko-KI streng reguliert. Luxemburg nutzt den Gipfel „AI Act in Action“, um zu zeigen, wie dieser Rechtsrahmen konkret in nationale Governance-Strukturen, Aufsicht und Unternehmenspraxis übersetzt werden kann.
Wie funktioniert das luxemburgische Governance-Modell mit Single Point of Contact, ReMI und Sandbox?
Luxemburg setzt auf mehrere zuständige Aufsichtsbehörden, die über einen zentralen Single Point of Contact für Unternehmen erreichbar sind. Ergänzt wird dies durch das Dialogformat „Regulation Meets Innovation“ (ReMI) und eine CNPD-Sandbox, in der Unternehmen KI-Systeme gemeinsam mit der Aufsicht testen und optimieren können.
Welche Auswirkungen hat der Luxemburger Ansatz auf das Risikomanagement von Unternehmen?
Unternehmen müssen ihre KI-Systeme systematisch inventarisieren, nach AI-Act-Risikokategorien klassifizieren und diese Entscheidungen nachvollziehbar dokumentieren. Damit wird KI-Risikomanagement Teil des bestehenden Governance-, Risk- und Compliance-Systems und Grundlage für künftige Audits und Behördenanfragen.
Was ist der Unterschied zwischen Provider, Deployer, Distributor und User im Kontext des AI Act?
Provider entwickeln oder vertreiben KI-Systeme, während Deployer diese in eigene Prozesse integrieren und betreiben. Distributoren vermitteln KI-Systeme weiter an Endkunden, und User nutzen KI im Rahmen ihrer Tätigkeit, ohne sie technisch zu verändern. Viele Unternehmen nehmen gleichzeitig mehrere Rollen ein und müssen ihre Pflichten entsprechend differenziert erfüllen.
Welche Bedeutung hat AI Literacy für Unternehmen im Rahmen des AI Act?
AI Literacy bezeichnet das Verständnis von Funktionsweise, Chancen und Risiken der eingesetzten KI-Systeme in der Organisation. Unternehmen müssen rollenbasierte Schulungen etablieren, damit Management, Fachbereiche und Compliance fundierte Entscheidungen treffen, Risiken erkennen und Kontrollmechanismen korrekt anwenden können.
Was sollten Unternehmen jetzt konkret tun, um sich auf den AI Act vorzubereiten?
Zentrale Schritte sind eine vollständige KI-Inventur, eine erste Risikoklassifizierung aller Anwendungen und die klare Benennung von Verantwortlichen für KI-Governance. Parallel sollten Unternehmen ihre Lieferanten- und Beschaffungsprozesse um AI-Act-Kriterien ergänzen und ein gestuftes AI-Literacy-Programm für Schlüsselrollen aufsetzen.
Wie können Unternehmen von luxemburgischen Initiativen wie ReMI, CNPD-Sandbox und AI Experience Center profitieren?
Unternehmen können dort reale Use Cases einbringen, offene Rechtsfragen früh klären und gemeinsam mit Aufsichten und Peers Best Practices für Compliance-by-Design entwickeln. Wer diese Formate nutzt, reduziert nicht nur Rechts- und Reputationsrisiken, sondern gewinnt auch einen Innovations- und Vertrauensvorsprung im Markt.